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Sackgasse im „umgangssprachlichen“ Krieg
geschrieben am 07. April 2010 von Spiegelfechter
Soll man Karl-Theodor zu Guttenberg und Angela Merkel Respekt dafür zollen, dass sie plötzlich das böse K-Wort in den Mund nehmen? Dies wäre wohl zuviel der Ehre, schließlich unterscheidet sich Guttenbergs und Merkels Wortwahl nur in Nuancen von der ihrer Vorgänger und ihrem eigenen Ringen nach Worten aus der Vergangenheit. Wenn über 100.000 Soldaten mit militärischen Mitteln in einem fernen Land gegen meist einheimische Widerstandskämpfer vorgehen und dabei auf beiden Seiten und bei der Zivilbevölkerung ein hoher Blutzoll entrichtet wird, so ist dies Krieg – Punkt. Ob dieser Begriff völkerrechtlich zutreffend ist oder nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Aber selbst wenn zu Guttenberg seinen Kritikern eine Steilvorlage nach der anderen gibt, ist er allem verbalen Gehampel zum Trotz natürlich im Recht. Ließe er den Zusatz „umgangssprachlich“ weg und würde eingestehen, was jedermann – und das schließt Herrn zu Guttenberg ein – natürlich weiß, würde die Regierung in eine Verfassungskrise schlittern. Das kann ein Regierungsmitglied nicht wollen, daher ist es auch nur allzu verständlich, dass die Regierungskoalition und die Parteien, die gerne Teil der Regierungskoalition sein würden, das K-Wort meiden, wie der Teufel das Weihwasser.
Die neue Afghanistan-Strategie der Bundesregierung ist Selbstbetrug. Wahrscheinlich glauben noch nicht einmal die Damen und Herren Merkel, Westerwelle und zu Guttenberg ihr eigenes Gerede. Ein „Stabilisierungseinsatz“ wird plötzlich zum „umgangssprachlichen Krieg“, der als „ruhig“ bezeichnete Norden Afghanistans wird plötzlich „unruhig“, die ehemals „vorbildliche“ Polizeiausbildung des Bundesinnenministeriums in Afghanistan wird plötzlich „problematisch“ und gleichzeitig will die Bundesregierung ab dem nächsten Jahr mit dem Truppenabzug beginnen. Man muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um derlei kognitive Dissonanzen zu schlucken.
Afghanistan ist ein Land, auf dem der Fluch der Instabilität liegt. Ein Land, in dem es keine Zentralmacht gibt und ein Land, das Spielball diverser ausländischer Interessen ist – vom pakistanischen Geheimdienst ISI, der eine nationalistische paschtunische Karzai-Regierung rigoros ablehnt, bis zu den Amerikanern, die so langsam merken, dass noch nicht einmal Hamid Karzai in diesem Hexenkessel als US-Marionette funktioniert.
Karzai könnte einerseits die Taliban mit ins Boot holen. Er unterhält bereits offene Kommunikationskanäle abseits des pakistanischen Geheimdienstes ISI und der Amerikaner, für die eine solche Partnerschaft eine Katastrophe wäre. Sollte Karzai den Schulterschluss mit den Taliban wagen, stünden die Regierungstruppen, die momentan vom Westen ausgerüstet und ausgebildet und nur im Rahmen eines „friendly fire“ auch mal ermordert werden, plötzlich auf der anderen Seite. Da kann man aus Sicht der Bundeswehr nur hoffen, dass man die afghanischen Kameraden nicht zu gut ausgebildet hat. Eine solche Entwicklung wäre jedoch das sichere Ende des westlichen Einsatzes. Es erscheint nicht eben wahrscheinlich, dass der Westen sich wieder einen neuen Warlord aus dem Norden als „Hurensohn“ aussucht, der Afghanistan abermals in den segensreichen Besitz von Demokratie, Menschenrechten, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – den Errungenschaften des Feminismus bringen soll. Wahrscheinlich wäre eine endgültige Zersplitterung des Staates Afghanistan die Folge. Warum auch nicht?
Zwischen Karzai und Hekmatjar bestehen mittlerweile enge informelle Bindungen. Unlängst hat Hekmatjar Karzai einen „Friedensvertrag“ angeboten – Bedingung ist jedoch ein Abzug der Amerikaner. Sollte Karzai Hekmatjar entgegenkommen, hätte sich die Gemengelage abrupt geändert – Zentralregierung und Hekmatjar gegen die Taliban, die Warlords im Norden wären einstweilen wieder autark und der Westen wäre überflüssig. Diese Exit-Strategie ist zumindest die einzige Strategie, bei der die Taliban nicht an der Macht im Lande beteiligt werden und mit der auch der pakistanische Geheimdienst zufrieden wäre. Dafür versänke das Land abermals in einem Bürgerkrieg, an dem auch der Westen verdienen könnte und von all den hehren Werten, mit denen er seinen Einsatz begründet, wäre auch nicht mehr viel übrig.
Derweil nimmt die öffentliche Debatte in Deutschland täglich an Absurdität zu. Sind „unsere Jungs“ gut ausgebildet, sind sie gut ausgerüstet? Gerade so, als ob gut ausgerüstete und gut ausgebildete Soldaten immun gegen Blei wären und ihre eigenen Kugeln stets treffsicher im Korpus des Bösewichts versenken. So funktioniert Krieg aber nicht. In einem Krieg sterben eigene Soldaten genauso wie Zivilisten. Wenn die Regierung die Angriffe des Feindes als „feige“ bezeichnet, so gibt sie zu erkennen, dass sie das Kriegshandwerk noch nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Ein Krieg, bei dem zwei Gentlemen mit offenen Visier ehrenvoll Mann gegen Mann kämpfen, ist schon lange nicht mehr gesichtet worden. Die Tailban wären auch schlecht beraten, der hochgerüsteten Soldateska aus dem Westen ehrenhaft im offenen Felde die Stirn zu bieten. Da könnten sie sich auch gleich selbst umbringen. In einem asymmetrisch geführten Krieg greift die technisch unterlegene Partei immer aus dem Hinterhalt an. Das hat nichts mit „Feigheit“ zu tun, sondern ist rationales Kalkül und gilt auch in „umgangssprachlichen“ Kriegen.
Die Mär eines chirurgisch sauberen Krieges sollte eigentlich spätestens seit dem Irakkrieg ausgeträumt sein. Wer Soldaten nach Afghanistan schickt, kalkuliert eigene Verluste und sogenannte „Kollateralschäden“ mit ein. Wenn die Bundesregierung denn gute Gründe hat, „unsere Jungs“ in den Tod zu schicken und zu Kollateralschädlingen werden zu lassen, so kann sie dies als souveränes Organ mit Legitimation des Wählers auch machen. Aber dann soll sie auch erklären, wofür „unsere Jungs“ sterben und was sie am Hindukusch eigentlich will. An Demokratie, Menschenrechte, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – die Errungenschaften des Feminismus glaubt auch das „umgangsprachliche“ Wahlvieh nicht mehr.
Jens Berger
Zum Thema:
C´est la guerre
Für was führen wir eigentlich Krieg?
Eiertanz
Natürlich sind derlei Euphemismen im Sinne der Wählerbindung eher suboptimal. Euphemismen taugen immer solange, bis sie nicht von Hinz und Kunz durchschaut werden. Jeder weiß, dass bei einer Immobilienanzeige die Schilderung „verkehrsgünstige Lage“ nicht unbedingt ein ruhiges Plätzchen erwarten lässt. Was aber, wenn Makler zu Guttenberg eine Immobilie als „renovierungsbedürftig“ bezeichnet, sich diese aber bei näherem Hinsehen als hoffnungslose Bauruine herausstellt? Nun gut, niemand würde Herrn zu Guttenberg ein Auto, geschweige denn eine Immobilie abkaufen, aber warum sollte das Volk ihm dann einen „umgangssprachlichen“ Krieg abkaufen?Die neue Afghanistan-Strategie der Bundesregierung ist Selbstbetrug. Wahrscheinlich glauben noch nicht einmal die Damen und Herren Merkel, Westerwelle und zu Guttenberg ihr eigenes Gerede. Ein „Stabilisierungseinsatz“ wird plötzlich zum „umgangssprachlichen Krieg“, der als „ruhig“ bezeichnete Norden Afghanistans wird plötzlich „unruhig“, die ehemals „vorbildliche“ Polizeiausbildung des Bundesinnenministeriums in Afghanistan wird plötzlich „problematisch“ und gleichzeitig will die Bundesregierung ab dem nächsten Jahr mit dem Truppenabzug beginnen. Man muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um derlei kognitive Dissonanzen zu schlucken.
Wofür sterben Bundeswehrsoldaten in Afghanistan?
Es ist jedoch vollkommen irrelevant, ob man das fröhliche Morden und ermordet werden am Hindukusch als „bewaffnete Aufbauhilfe gegen den Willen eines Teils der Bevölkerung“ oder als „umgangssprachlichen Krieg“ bezeichnet. Das eigentliche Ziel deutschen Treibens am Ende der Welt gerät immer mehr aus dem Blickwinkel. „Wir“ wollen den Afghanen einen demokratischen Staat schenken? Schön, aber was tun, wenn der „undankbare Afghane“ unser Geschenk ähnlich gerne entgegennehmen will, wie die Mastgans ihr tägliches Geschenk an Haferfüllung? Es beleidigt ja schon fast den Intellekt des Wählers, auf der einen Seite zu erklären, Afghanistan sei nun einmal eine archaische Stammesgesellschaft, und auf der anderen Seite über Korruption zu klagen. Glaubt man den ernsthaft, Afghanistan würde von einem Tag auf den anderen plötzlich zu einem bürokratischen Musterländle, mit Quittungen, Rechenschaftsberichten und föderalstaatlicher Verwaltung? Glaubt man ernsthaft, die Administration Karzai, deren reale Macht an den Toren von Kabul endet, könne ohne materielle Zuwendungen die Treue der machtvollen Stammesältesten gewinnen? Vor allem aber: warum sollten sich besagte Stammesälteste mit Karzai verbünden, wenn die westliche Staatengemeinschaft selbst Zustimmung gegen Bares oder Protektion beim Drogenanbau einkauft?Afghanistan ist ein Land, auf dem der Fluch der Instabilität liegt. Ein Land, in dem es keine Zentralmacht gibt und ein Land, das Spielball diverser ausländischer Interessen ist – vom pakistanischen Geheimdienst ISI, der eine nationalistische paschtunische Karzai-Regierung rigoros ablehnt, bis zu den Amerikanern, die so langsam merken, dass noch nicht einmal Hamid Karzai in diesem Hexenkessel als US-Marionette funktioniert.
Machtpolitiker ohne Macht
Die Marionette Karzai hat ihre Fäden abgeschnitten und sich – sehr zum Missfallen des Puppenspielers aus Washington – verselbstständigt. Mal nennt er die westlichen Soldaten in aller Öffentlichkeit „Eindringlinge“, mal kündigt er vor 1.500 Stammesältesten – und einem irritierten US-Oberbefehlshaber McChrystal – an, vielleicht sein Veto gegen die lange geplante US-Offensive im Süden des Landes einzulegen, mal verkündet er, der Aufstand der Taliban könne zur „legitimen Widerstandsbewegung“ werden, wenn die USA der Regierung in Kabul weiterhin Vorschriften machen wollen. Hamid Karzai ist ein waschechter Machtpolitiker. Er kungelt mit allen Mächtegruppen im Land, um sich selbst als versöhnenden Faktor zur Mitte einer neuen post-amerikanischen Regierung zu machen. Karzai weiß, dass er ohne die Unterstützung der Warlords ein König ohne Land ist und er einen starken Verbündeten innerhalb Afghanistans braucht, um wirklich autark vom Westen zu agieren. Als Partner kommen da nur zwei Parteien in Frage – dem Westen kann keiner der potentiellen Bettgenossen Karzais gefallen.Karzai könnte einerseits die Taliban mit ins Boot holen. Er unterhält bereits offene Kommunikationskanäle abseits des pakistanischen Geheimdienstes ISI und der Amerikaner, für die eine solche Partnerschaft eine Katastrophe wäre. Sollte Karzai den Schulterschluss mit den Taliban wagen, stünden die Regierungstruppen, die momentan vom Westen ausgerüstet und ausgebildet und nur im Rahmen eines „friendly fire“ auch mal ermordert werden, plötzlich auf der anderen Seite. Da kann man aus Sicht der Bundeswehr nur hoffen, dass man die afghanischen Kameraden nicht zu gut ausgebildet hat. Eine solche Entwicklung wäre jedoch das sichere Ende des westlichen Einsatzes. Es erscheint nicht eben wahrscheinlich, dass der Westen sich wieder einen neuen Warlord aus dem Norden als „Hurensohn“ aussucht, der Afghanistan abermals in den segensreichen Besitz von Demokratie, Menschenrechten, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – den Errungenschaften des Feminismus bringen soll. Wahrscheinlich wäre eine endgültige Zersplitterung des Staates Afghanistan die Folge. Warum auch nicht?
Das letzte Ass im Ärmel
Ein Ass hat der Westen allerdings noch im Ärmel; doch dieses Ass ist vergiftet. Der abtrünnige Warlord Gulbuddin Hekmatjar wäre ebenso wie der Westen ein Verlierer eines Schulterschlusses von Karzai und den Taliban. Hekmatjar kämpfte einst mit Unterstützung von CIA und ISI gegen die Sowjets, dann gegen diverse andere Warlords und wurde schließlich von den Taliban ins iranische Exil vertrieben. Kaum waren die Taliban von den US-Verbündeten „vertrieben“, tauchte Hekmatjar wieder auf – diesmal allerdings als Feind der Amerikaner. Im Süden des Landes unterhält Hekmatjar seine eigene Armee. Zwischen 15 und 20% aller „Aufständischen“ im Lande unterstehen seinem Befehl. Hekmatjar ist Gegner Karzais und der Amerikaner, aber er ist kein Verbündeter der Taliban – im Gegenteil, Hekmatjars Mannen morden nicht nur Amerikaner, sondern auch Taliban.Zwischen Karzai und Hekmatjar bestehen mittlerweile enge informelle Bindungen. Unlängst hat Hekmatjar Karzai einen „Friedensvertrag“ angeboten – Bedingung ist jedoch ein Abzug der Amerikaner. Sollte Karzai Hekmatjar entgegenkommen, hätte sich die Gemengelage abrupt geändert – Zentralregierung und Hekmatjar gegen die Taliban, die Warlords im Norden wären einstweilen wieder autark und der Westen wäre überflüssig. Diese Exit-Strategie ist zumindest die einzige Strategie, bei der die Taliban nicht an der Macht im Lande beteiligt werden und mit der auch der pakistanische Geheimdienst zufrieden wäre. Dafür versänke das Land abermals in einem Bürgerkrieg, an dem auch der Westen verdienen könnte und von all den hehren Werten, mit denen er seinen Einsatz begründet, wäre auch nicht mehr viel übrig.
Gescheitert
Wie es auch kommt, die Strategie des Westens ist gescheitert und es ist kein Ausweg aus der Sackgasse in Sicht. Es ist allerdings auch kein Gewinner in Sicht, schon gar nicht im afghanischen Volk. Einem Afghanen ist es egal, ob sein Kind von der Bundeswehr, der Zentralregierung, den Taliban oder den Mannen Hekmatjars erschossen wird – wäre man zynisch, könnte man sagen, die Bundeswehr als Mörder zahlt wenigstens ordentliches Blutgeld. Das Morden am Hindukusch wird weitergehen und man nichts tun, dies zu ändern. C´est la vie, c´est la guerre.Derweil nimmt die öffentliche Debatte in Deutschland täglich an Absurdität zu. Sind „unsere Jungs“ gut ausgebildet, sind sie gut ausgerüstet? Gerade so, als ob gut ausgerüstete und gut ausgebildete Soldaten immun gegen Blei wären und ihre eigenen Kugeln stets treffsicher im Korpus des Bösewichts versenken. So funktioniert Krieg aber nicht. In einem Krieg sterben eigene Soldaten genauso wie Zivilisten. Wenn die Regierung die Angriffe des Feindes als „feige“ bezeichnet, so gibt sie zu erkennen, dass sie das Kriegshandwerk noch nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Ein Krieg, bei dem zwei Gentlemen mit offenen Visier ehrenvoll Mann gegen Mann kämpfen, ist schon lange nicht mehr gesichtet worden. Die Tailban wären auch schlecht beraten, der hochgerüsteten Soldateska aus dem Westen ehrenhaft im offenen Felde die Stirn zu bieten. Da könnten sie sich auch gleich selbst umbringen. In einem asymmetrisch geführten Krieg greift die technisch unterlegene Partei immer aus dem Hinterhalt an. Das hat nichts mit „Feigheit“ zu tun, sondern ist rationales Kalkül und gilt auch in „umgangssprachlichen“ Kriegen.
Die Mär eines chirurgisch sauberen Krieges sollte eigentlich spätestens seit dem Irakkrieg ausgeträumt sein. Wer Soldaten nach Afghanistan schickt, kalkuliert eigene Verluste und sogenannte „Kollateralschäden“ mit ein. Wenn die Bundesregierung denn gute Gründe hat, „unsere Jungs“ in den Tod zu schicken und zu Kollateralschädlingen werden zu lassen, so kann sie dies als souveränes Organ mit Legitimation des Wählers auch machen. Aber dann soll sie auch erklären, wofür „unsere Jungs“ sterben und was sie am Hindukusch eigentlich will. An Demokratie, Menschenrechte, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – die Errungenschaften des Feminismus glaubt auch das „umgangsprachliche“ Wahlvieh nicht mehr.
Jens Berger
Zum Thema:
C´est la guerre
Für was führen wir eigentlich Krieg?

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