Welt ohne Poesie
Ich fürchte, wir gehen in eine Welt ohne Poesie. Dabei meine ich mit "Poesie" alles, wo sich das Leichte, Spielerische, Liebenswerte, Zarte, Unnütze, Irrationale, Gefühlte, natürlich auch in künstlerischer Form, entfalten kann. Das Poetische entspricht vielleicht allem, was in unserer Gesellschaft, deren zentralen Charaktertyp Erich Fromm als Marketing-Charakter beschreibt, keinerlei Wert besitzt.
Der Marketing-Charakter wägt ständig ab, mit welchen Eigenschaften er auf dem Markt einen Wert erzielt, "kultiviert" diese, verwirft den Rest, und er vergleicht sich und andere ständig miteinander. "Unnütze" Gefühle stören nur und Poesie interessiert vielleicht gerade noch in dem Maß, wie sie sich verkaufen läßt. Reputation und Cash zählen! Im Kunstmarkt fließt sehr viel Geld. Während die Kunst an sich brotlos ist.
Natürlich wird der moderne Mensch todunglücklich. Er verliert im Laufe der Jahre, in denen er sich gut zu vermarkten versucht, und teilweise sogar dazu gezwungen ist, jeglichen Zugang zum Sinn seines Lebens. Er leidet an allen möglichen Störungen, inklusive einer quälenden inneren Leere. Seinen Kindern mag er rein äußerlich eine perfekte Erziehung gewährleisten, aber vom Glück kann er ihnen nichts erzählen. Der Erfolg seiner Lebenspartnerschaft zeigt sich in Form von gut organisierter Teamarbeit.
Nun wäre der Kapitalismus nicht so ein lang andauerndes, weil hochreaktives Gebilde, wenn es nicht längst auf die Defizite des modernen Menschen Angebote entwickelt hätte. Ich kenne mich auf der Esoterik-Szene nicht gut aus und wollte schon seit längerem das Buch von Jutta Ditfurth lesen "Entspannt in die Barbarei - Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus". Habe ich aber noch nicht. Deswegen beschränke ich mich hier auf meine wenigen persönlichen Erfahrungen aus dem Yoga.
Yoga hat jahrelang meinen Rücken im Lot gehalten, schicke ich dankbar voraus. Aber Yoga ist derartig trendy geworden, dass man heutzutage jede Menge esoterisch aufgeladenen Schnickschnack zu den körperlichen Übungen hinzugeliefert bekommt. In meiner letzten Gruppe wurde immer ausschweifender meditiert und von sonderbaren Licht- und Wärmeerfahrungen geredet und vom Empfinden von Tiefe, naja und so was halt. Mir wurde das irgendwann zu auf- bzw. eindringlich, und ich habe mir vorübergehend dadurch beholfen, dass ich während des Meditierens schon mal in Gedanken meinen nächsten Einkaufszettel gemacht habe. Gedankenkontrolle durch mich selbst anstatt durch die Yogalehrerin! Und dann hörte ich ganz auf mit Yoga.
Zwischendurch erfuhr ich, dass Yoga in frühen Zeiten für Frauen streng verboten war. Eine Technik für Männer also. Warum, fragt man sich, laufen dann heutzutage die Frauen in Scharen zu den Kursen, um diesen fernöstlichen Techniken zu huldigen? Yoga soll sogar heute noch beim Militär zur mentalen Vorbereitung der Soldaten angewandt werden, das wird ja immer besser, dachte ich mir.
Yoga inszeniert meiner Meinung nach ein Klima menschlicher Zuwendung. Eine Qualität, die wir im günstigsten Fall von den guten Müttern und noch mehr der geliebten Oma erwarten durften. (Aber wer will heute noch eine gemütliche Oma werden, oder was zählt heute eine Frau, die "mütterlich" ist? Abgesehen davon, dass wir das nicht mehr geben wollen, sondern selbst bekommen! Wir möchten Töchter bleiben.) Im Yoga erlebt man sich als Teil einer Gemeinschaft angenommen. Die Leiterin kümmert sich um alle, sorgt für eine ruhige und entspannte Atmosphäre, gibt Aufmerksamkeit und Zuwendung. Sie sorgt für körperliches Wohlbefinden und bespricht nebenbei seelische und geistige Aspekte. Es gibt meist auch Tee und Kekse. Selbstverständlich ist alles ganzheitlich, wahrscheinlich vegan oder zumindest vegetarisch. - Man zahlt ihr übrigens Geld dafür! Aber Geld zahlt man ja auch dem Arzt und dem Theratpeuten, der mit einem spricht.
Und da sind wir wieder beim Kapitalismus angelangt. Was sich vermarkten läßt, gibt es. Sowas wie geschenkte Poesie (im weitesten Sinne) verschwindet.
Wo gesellschaftliche Zustände wenigstens noch Nischen für ein wenig Poesie übrig ließen, da schlagen singuläre Ereignisse zu! Nehmen wir als Beispiele Kireg (den dreißigjährigen vielleicht?) oder Epidemie (die Pest). Die Welt erholte sich immer wieder, wenn auch langsam und mit großen Veränderungen. Auch nach Auschwitz, und auch nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Und als die Menschen in den USA gegen den Vietnamkrieg demonstrierten entstand parallel dazu wunderbare Musik. Der summer of love war 1967. Und seitdem geht es bergab meine ich. Vielleicht weil zwischenzeitlich so schnell so viel passierte, dass keine Zeit mehr für Erholungsphasen blieb.
Und nun haben wir Fukushima. Das Ausmaß an Zerstörung, ausgelöst durch Naturgewalt einerseits und der kaum einschätzbaren atomaren Strahlung durch das Versagen von Technik andererseits ist unvorstellbar groß. Was zählt da noch der verwundbare Mensch? Der zart und zerbrechlich auf die Welt kommt, und auch später nicht ohne menschliche Zuwendung leben kann, weil sonst seine Seele zerbrechen würde. Gegen die atomare Verstrahlung helfen weder die etwas derberen Methoden wie Verdrängen durch Alkohol oder Ablenken durch Bespaßung, noch werden uns selbst die besten Gurus mit den besten Meditationstechniken weiterhelfen können. Im übrigen auch nicht die Meister an den Börsen! Und alle Ansätze von Poesie im Leben sind sowieso mal wieder niedergemetzelt worden.
Man spricht von der "German Angst". Die Deutschen hätten eine besonders große und übertriebene Angst vor der atomaren Verstrahlung. Nun ja, vielleicht sind wir Deutschen, die unvorstellbares Leid über die Menschen gebracht haben, besonders sensiblisiert. Vielleicht nehmen wir gerade die wichtige Aufgabe war, mit als erste und ganz laut Schluß zu sagen! Das wäre allerdings ziemlich gut.
Ich bin keine Pessimistin. Bestimmt steht die Poesie eines Tages wieder auf, wie Phoenix aus der Asche. Irgendwann werden sich die Menschen daran erinnern, dass es noch was anderes gab, außer Markt und Technik. Es wäre wunderbar, wenn die "German Angst" ein wenig dazu beitragen könnte. Hoffentlich darf ich das noch erleben.




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen